Kapitel 5 - 50 Mal nur eine Nacht


KAPITEL 5



Der Raum ist gefüllt mit Frauen, jeder Stuhl ist belegt. Ich sehe drei bis vier Männer, die wohl ihre besseren Hälften begleiten müssen und sich sichtlich unwohl fühlen.
Auf dem Podium gibt es drei Stühle: einen für Parker, zu seiner Rechten sitzt die Inhaberin einer Buchhandlung in Providence und meine Wenigkeit sitzt zu seiner Linken.
Der Geräuschpegel ist erwartungsvoll angespannt. Als die Buchhändlerin auf das Podium tritt und nach dem Mikrofon greift, verstummen alle.
»Guten Abend, meine Damen und … meine Herren. Danke, dass Sie so zahlreich erschienen sind. Ich denke, Sie sind genauso gespannt darauf, P. S. Morgan kennenzulernen, wie ich es bin. Das Buch, aus dem heute gelesen wird, ist der neuste Roman, es kann nach der Lesung bei mir erworben und von P. S. Morgan signiert werden. Begrüßen Sie nun mit mir: P. S. Morgan.«
Applaus brandet auf. Als Parker die Bühne betritt, geht ein Raunen durch die Menge.
»Wie ich höre, haben Sie mit einer Frau gerechnet. Glauben Sie mir, ich auch«, erklärt Parker mit einer ausschweifenden Handbewegung.
Ein Lachen geht durch die Reihen.
»Ja, Sie sehen richtig, P. S. Morgan ist ein Mann und ja, ich habe alle Bücher selbst geschrieben.«
Applaus brandet auf und ich werde Zeuge, wie über hundert Frauen und drei bis vier Männer ihm zu Füßen liegend an seinen Lippen hängen.
Parker liest drei spannende Passagen aus seinem neuen Liebesroman, am Ende folgt ein leicht erotisches Kapitel. Eine Menge Frauen rutschen auf ihren Stühlen unruhig hin und her, andere fächeln sich Luft zu. Als Parker endet, brandet lauter Applaus auf.
»Danke, dass Sie mir so gespannt zugehört haben. Ich gebe zu, ich lese nicht gern aus meinen eigenen Werken vor. Ich entdecke immer Stellen, bei denen ich denke: Mein Gott, wie konntest du das nur so schreiben? Doch das Buch ist gedruckt, nun gibt es kein Zurück. Ich danke der geschäftstüchtigen Mrs Butler von der Corner Buchhandlung und der bezaubernden Miss Hunt aus meinem Londoner Verlag für ihre Betreuung.«
Das Wort Betreuung betont er so deutlich, dass es eine ganz neue Bedeutung erlangt und meine Wangen heiß werden. Ich lächele Parker dankbar an und erhebe mich.
»Im Namen meines Verlags danke ich Ihnen ebenfalls. Sie können nun die neuste Ausgabe erwerben und signieren lassen«, erkläre ich dem Publikum und vergrabe dann meinen Kopf in einem Bücherkarton, damit niemand sieht, wie verlegen ich bin.
Der Verkauf startet gut und die Schlange der Leser, die ihr Buch signiert haben wollen, ist lang. Die Frauen verschlingen Parker förmlich mit Blicken und ich kann sie nur zu gut verstehen. Er hat für jede Frau einen kessen Spruch auf den Lippen und unterzeichnet mit schneller Hand die Bücher. Man sagt, Menschen mit einer ausladenden Schrift seien stolz und hätten einen ausgeprägten Freiheitsdrang. Betonte Oberlängen bei den Buchstaben b, d, h, k, l und t deuten auf seine Begeisterungsfähigkeit hin. Die Senkrechtlage seiner Schrift weist auf Besonnen- und Nüchternheit hin. Der Abstand der einzelnen Worte sagt mir, dass er geistige Klarheit besitzt, die Übersicht über das Ganze behält, aber auch Kontaktprobleme hat. Das sehe ich auch an seinem Lächeln. Er ist charmant, aber hält die Menschen auf Distanz. Sein Lächeln erreicht seine Augen nicht, es bleibt reserviert. Das macht mich umso neugieriger.



*



Als ich das letzte Buch zuschlage, bereue ich zutiefst, diese Reise überhaupt angetreten zu haben. Mich nerven die Leserinnen, die mir Honig ums Maul schmieren, weil sie den Mann sehen, nicht den Autor. Alle haben vermutlich eine Frau mittleren Alters erwartet, und als ich auf die Bühne getreten bin, haben ihre Vaginen im Einklang gezuckt. Ich weiß, wie ich auf Frauen wirke. Womöglich ist das der Grund, warum ich so auf Schneewittchen fliege.
Als ich endlich im Restaurant sitze und Sia mir in die Augen blickt, lehne ich mich müde zurück.
»Das war der Knaller. Hast du das Raunen gehört, als die Leser erkannt haben, dass P. S. Morgan ein Mann ist?« Sie lächelt und ich werde hart. Diese Frau hat eine ungeheure Anziehungskraft auf mich und obwohl ich einen irrsinnigen Hunger habe, möchte ich nur noch ins Bett – mit ihr.
»Haben Sie schon gewählt?« Der Kellner ist an unseren Tisch getreten und verschlingt sie förmlich mit den Blicken, was mir tierisch auf die Eier geht.
»Bringen Sie uns irgendetwas ohne Fisch, Nüsse und Orangen«, knurre ich und sehe ihn vernichtend an.
»Ähm …« Er steht da wie zur Salzsäule erstarrt.
»Wir hätten gerne das Rindercarpaccio mit Parmesan als Vorspeise. Dann das Filetsteak mit Brokkoli und Süßkartoffeln. Dazu nehmen wir einen roten Cabernet«, zählt Sia auf, klappt die Speisekarte zu und reicht sie dem Kellner.
Erleichtert nickt er und zieht davon.
»Was ist los, Parker? Die erste Lesung ist doch gut gelaufen, sogar mehr als gut. Warum bist du so verstimmt?«
Der Wein wird serviert, doch ich nehme dem Sommelier die Flasche aus der Hand und winke ihn weg, um selbst einzuschenken.
»Du bist nicht sehr freundlich.« Sia blickt mich strafend an.
»Das bin ich selten«, knurre ich und trinke mein Glas in einem Zug aus.
»Willst du nicht auch meines trinken? Ich glaube, ich sollte auf Alkohol verzichten, nachdem ich gestern so abgestürzt bin.«
Ich greife nach ihrem Glas, trinke es leer und schaue sie provozierend an.
Sie legt eine Hand auf meine und drückt sie. »Was ist los? Sag es mir.«
»Wie du siehst, bin ich kein Menschenfreund. Es hat einen Grund, warum ich bisher noch keine Lesereise unternommen habe, warum ich ein Pseudonym benutze und alle Welt denkt, ich wäre eine Frau. Ich habe keine Lust, mich zur Schau zu stellen. Ich will schreiben, aber keinen Kontakt zu den Lesern. Vermutlich verstehst du das nicht. Aber ich sitze lieber zu Hause und betrinke mich. Das ist die Wahrheit.«
Wir sitzen abseits der anderen Gäste. Nur einige blicken ab und an neugierig zu uns herüber und tuscheln.
»Du irrst dich. Ich verstehe das sogar sehr gut. Es passt zu dir. Du bist charmant, aber nur so lange, bis du deine Ziele erreichst.«
Sie greift zu ihrem Wasserglas und trinkt einen Schluck, dann dreht sie nervös das Glas in der Hand.
»Du bist eine Menschenkennerin«, gebe ich zu, wenn ich auch nicht gern höre, was sie über mich zu sagen hat.
»Ja, ich weiß. Willst du den Rest der Reise absagen?«
»Wenn ich abbreche, muss ich eine Strafe von einer halben Million bezahlen. Ich bin zwar reich, aber dazu bin ich nicht bereit.«
Ich kann ihr wohl kaum erklären, dass ich nicht abbreche, weil ich weiter in ihrer Nähe sein will. Das Geld ist mir scheißegal, ich könnte es aus der Portokasse zahlen. Doch eine Frau wie sie lerne ich nicht oft kennen. Die meisten sind darauf aus, mit mir im Bett zu landen und ich verliere schnell das Interesse. Doch mit Sia ist es anders. Sie ist jung, macht einen sehr intelligenten Eindruck und ist weder auf Geld noch auf Ruhm aus. Und sie scheint mir aus der Hand zu fressen, was sie für mich noch anziehender macht.
Ich bringe das Essen schnell hinter mich. Währenddessen schüttelt Sia nur immer wieder den Kopf.
»Was ist los?«, will ich wissen.
»Das frage ich dich. Wenn du dein Essen immer so herunterschlingst, bekommst du noch ein Magengeschwür. Warum genießt du es nicht?«, fragt sie ganz unschuldig und ich könnte sie küssen.
»Ich möchte etwas ganz anderes genießen«, murmele ich nicht gerade freundlich.
Sie verdreht die Augen.
Mir wird klar, wenn sich meine Laune nicht bessert, wird sie auf keinen Fall mit mir schlafen, so viel steht fest. Ich seufze leise und versuche mich an einem Lächeln.
»Möchtest du vielleicht noch ein Dessert?«, frage ich freundlich und winke den Kellner herbei. »Wir hätten gern zum Abschluss das Champagner-Zitronen-Sorbet.«
Ich blicke ihr tief in die Augen, die mich provokant ansehen. »Was ist denn? Ich habe drauf geachtet: keine Nüsse oder Orangen.«



*



Nun kann ich verstehen, warum niemand mit ihm auf diese Reise gehen wollte. Seine Launen bringen mich noch um. In der einen Sekunde ist er schlecht gelaunt, in der nächsten lächelt er mich süß an. Wer soll da denn noch mitkommen? Wir stehen im Aufzug und fahren in die Höhe, als er nach meiner Hand greift und den Rücken küsst.
»Danke, es war ein netter Abend und die Lesung hast du wunderbar organisiert. Ich danke dir. Ohne dich hätte ich das nicht durchgestanden«, erklärt er leise und blickt mir tief in die Augen.
»Ich mache nur meinen Job«, erwidere ich, bin jedoch ganz gerührt über sein Lob.
Parker kommt näher und drängt mich leicht gegen die Wand. »Du machst mehr als nur deinen Job …«
Das Öffnen der Türen unterbricht ihn. Wir haben unsere Etage erreicht.
»Möchtest du zuerst ins Bad?«, frage ich, als wir die Zimmertür hinter uns schließen.
»Nein, ich warte gerne.«
Parker nimmt seinen Laptop und setzt sich damit aufs Bett.
Ich verdrücke mich schnell ins Bad, dusche, putze die Zähne und ziehe einen Schlafanzug an, den ich sonst nicht benutze, wenn ich alleine schlafe. Er ist aus schwarzer Seide und mit zarten Blumen verziert. Vielleicht etwas warm für Ende Mai, doch ich kann ja wohl kaum nackt herumlaufen. Dafür lasse ich die beiden oberen Knöpfe des Oberteils offen, sonst sterbe ich an einem Hitzschlag.
Ich schlüpfe unter die Bettdecke, während Parker immer noch vor dem Computer sitzt und Mails beantwortet. Es dauert eine Weile, bis er mich wahrnimmt.
»Das Bad ist jetzt frei«, sage ich in die Stille hinein und er erhebt sich mit einem: »Danke.«
Als er zurückkommt, löscht er das Licht und legt sich neben mich. Wohin auch sonst, denn es gibt keine andere Schlafgelegenheit. Dass er nur seine schwarze enge Boxershorts trägt, übersehe ich beflissen.
»Warum bist du so weit weg?«, fragt er und blickt mich im Dunkeln an.
»Weil ich immer an der Kante schlafe«, gebe ich zu.
Er hebt meine Decke an und rückt zu mir heran. Als ob mir allein nicht schon warm genug wäre.
»Ist dir nicht zu warm mit diesem Schlafanzug?« Er fährt mit der Fingerspitze den Ausschnitt nach und dabei löst sich ein weiterer Knopf, sodass die Sicht auf meine Brüste frei wird.
»Verdammt, Hunt! Was soll das? Warum führst du mich immerfort in Versuchung?«, murmelt er, drückt kleine Küsse auf mein Dekolleté und summt dabei leise vor sich hin.
»Parker«, wage ich einen verzweifelten Versuch, ihn zurückzuhalten, doch ich weiß, wie sinnlos meine Gegenwehr ist. Er riecht so frisch und männlich, sein feuchtes Haar direkt vor meiner Nase.
»Nur diese eine Nacht«, flüstert er und blickt zu mir auf. Seine dunklen Augen vernebeln mir die Sinne. Ich nicke, bin nicht in der Lage, mich zu wehren, denn ich will das hier. Ich brauche diesen Mann auf meiner Haut. Mit dem Finger fahre ich durch sein Haar.
»Ja, nur noch eine Nacht, danach ist Schluss«, sagte die Süchtige und setzte sich den nächsten Schuss. Verflucht, was hat er nur an sich, dass ich ihm nicht widerstehen kann? Er ist übellaunig, unberechenbar und so verdammt sexy.
Ich rutsche auf dem Bett hinunter und Parker gleitet über mich. Ich spreize die Beine für ihn und stelle fest, dass er bereits keine Hose mehr trägt. Seine steife Männlichkeit drängt sich an meinen Unterleib und ich ziehe mir mit einer schnellen Bewegung die Schlafhose von den Hüften. Parker ist mir behilflich, sie ganz loszuwerden. Als er mir das Oberteil von der Schulter zerrt, verliert es einen Knopf.
»Mist!«, fluche ich.
»Ich kaufe dir einen neuen. Einen, in dem du nicht aussiehst, als wolltest du dich vor mir schützen.« Er blickt mir in die Augen und lächelt.
»Du bist so ein … Blödmann«, knurre ich und winde mich unter ihm.
»Morgen in Boston werden wir zusammen einkaufen gehen«, verspricht er mir und küsst mich stürmisch, damit ich den Mund halte. Er schmeckt nach Minze und einem feinen Hauch von Alkohol. Seine Zunge überflutet meine Sinne, sie scheint sich nach mir zu verzehren, als sie die Tiefen meines Mundes erforscht.
Parkers drängende Bewegungen zerren an meiner Selbstbeherrschung, die ohnehin nur an einem seidenen Faden hängt. Ich will ihn in mir spüren. Kaum geht mir der Gedanke durch den Kopf, da fühle ich, wie er sich langsam in mich schiebt. Seine Wärme umhüllt mich und ein dunkles Grollen löst sich aus seiner Brust. Ich küsse gierig seine Haut, nehme den männlichen Geschmack in mir auf. Mit den Fingern fahre ich die harten Konturen seiner muskulösen Arme nach. Als er sich aufbäumt, sieht er mir verlangend in die Augen und grinst wissend. Er weiß, wie sehr ich das hier genieße, wie sehr ich ihn will. Jedem anderen Mann hätte ich dieses Grinsen übelgenommen, doch es gehört zu ihm wie das Grübchen auf seiner Wange, wenn er lächelt.
»Fester«, fordere ich ihn auf und er nickt. Er weiß, was ich brauche, als würde er auf einem Instrument spielen, das er genau kennt.
»Komm für mich, meine Schöne«, fordert er und ich lasse los. Hemmungslos gebe ich mich dem Höhepunkt hin und keuche seinen Namen, während mein Körper in tausend Teile zu zerspringen scheint. Fest klammere ich mich an seine Arme, suche Halt bei ihm.
Mein Herz rast, ich höre sein Klopfen in meinem Kopf. Ich genieße Parkers gleichmäßige Stöße und bewege mich im Einklang mit ihm. Er lässt mich dabei nicht aus den Augen, umfasst mein Gesicht mit den Händen und streichelt es zärtlich. Ich will ihm den gleichen Genuss schenken wie er mir und komme ihm entgegen. Sein Atem geht hektisch und zeigt mir, dass er kurz vor dem Höhepunkt steht. Er verweilt an der Klippe und muss nur noch springen.
»Ja! Ja, jetzt«, murmelt er und kommt ebenfalls. Er lässt sich fallen und dreht sich gleichzeitig mit mir in den Armen auf den Rücken, sodass ich auf ihm zu liegen komme. »Gott, wie habe ich das den ganzen Tag vermisst«, brummt er und mein Herz reckt eine Faust in die Höhe, obwohl sich in meinem Kopf langsam Panik breitmacht. Das hier muss einfach aufhören.

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