Kapitel 5 - Beloved sin

KAPITEL 5





Ungeduldig zappe ich durch das Fernsehprogramm, finde aber nichts, auf das ich mich konzentrieren kann. Viggos Wohnung ist modern eingerichtet, aber es ist kaum etwas Persönliches zu finden, so als würde er hier gar nicht wohnen, sondern diese Wohnung nur als Tarnung benutzen. Ich meine, hej, er ist der Bruder der Prinzessin, da wird er sich doch zumindest eine Wohnung mit Gästezimmer leisten können. Doch welcher Bruder einer Prinzessin geht solch einem Beruf nach.
Der Schlüssel in der Tür lässt mich erleichtert ausatmen. Als Viggo mit Tüten bepackt im Wohnzimmer erscheint, muss ich grinsen. Er sieht irgendwie lustig aus. Eine Strähne hängt ihm in der Stirn und er wirkt gehetzt.
»Du bist noch da?«, fragt er überrascht, als hätte er erwartet, dass ich abhaue.
»Du hast wohl gehofft, dass ich mich aus dem Staub mache. Irrtum, mein Lieber. Du hast mich jetzt an der Backe, ob du willst oder nicht. Wir wollen deine Schwester nicht enttäuschen, wenn du am Freitag alleine zu diesem Abendessen erscheinst.«
»Gib zu, du willst unbedingt bei Niclas essen.« Er lacht über seinen eigenen Witz. »Ich habe hier etwas für dich.« Er hebt die Tüten in die Höhe und reicht sie mir.
Neugierig werfe ich einen Blick hinein und sehe, dass sie Kleidungsstücke enthalten. Neue Kleidung. Kleidung aus einer Boutique, die keine Preiseschilder tragen.
»Ich hoffe, es passt. Wir werden in den nächsten Tagen noch mehr kaufen gehen. Doch das müsste fürs Erste reichen.«
»Warum hast du nicht die Sachen aus meiner Wohnung geholt?«
»Weil ich keinen Schlüssel für die Wohnung habe«, erklärt Viggo, geht hinüber zur Bar und gießt sich einen Absinth ein.
»Aber meine Handtasche muss noch im Büro von Lucas sein.«
»Ja, natürlich. Und ich spaziere dort einfach hinein und nehme die Tasche mit. Was glaubst du, wird Lucas dazu sagen, wenn er mich dabei erwischt«, fragt Viggo wütend.
»Ist ja schon gut. Ich will nur nicht, dass du Geld für mich ausgibst.« Ich schlage entschuldigend die Augen nieder.
»Es ist nicht mein Geld. Es gehört Lucas. Das ist das Geld für deine Hin... «, lässt er den Satz unvollendet. »Fünfhunderttausend Kronen. Ich habe das Doppelte für dich bekommen, was ich sonst verlange.«
»Oh, ein lukrativer Job. Da war ich Lucas eine Menge wert«, gebe ich spitz zurück. »Ich will sein Geld nicht. Behalte es.« Ich will das Wohnzimmer verlassen, doch Viggo ist schneller und hält mich auf.
»Du solltest nicht vergessen, dass du dich selbst in diese Lage manövriert hast. Was wolltest du bei Lucas? Du bist doch gar keine Buchhalterin.« Er presst die Worte heraus und blickt mich wütend an.
»Nein, das bin ich nicht«, gebe ich zögerlich zu.
»Was bist du dann?«, fragte er ein wenig ruhiger.
Ich schaue in seine hellblauen Augen und verliere mich fast darin. »Ich bin eine Journalistin. Ich habe mich als Buchhalterin beworben, weil ich Lucas illegale Machenschaften aufdecken will. Er hat Kontakte in die höchsten Kreise. Man munkelt, dass diese Verbindungen bis ins Königshaus reichen.«
Verächtlich schnauft Viggo. »Weißt du, was das für Beziehungen sind? Ich ... ich bin der Kontakt, den der zum Königshaus hat. Anders spielt ab und an in einem seiner Casinos und verliert regelmäßig eine große Summe. Wenn das für deine Leser interessant ist, bist du nichts weiter, als eine dieser schmierigen Paparazzi. Was willst du als nächstes bringen? Der Bruder der Prinzessin, die mit dem Kronprinzen verheiratet ist, ist ein Auftragskiller? Oh, das wird die Medien bestimmt interessieren. Vielleicht sollten wir ein Selfi für die erste Seite machen?«
Ohne ein weiteres Wort, lässt er mich einfach stehen und verschwindet ins Schlafzimmer.
»Verdammt«, murmele ich leise und stelle die Tüten auf dem Boden ab. Wenn ich Viggo weiter so auf die Palme bringe, wird er es sich vielleicht noch ein Mal anders überlegen.
Ich gehe ihm nach. Viggo sitzt auf dem Bett, seine Waffe in der Hand. Mein Herz klopft aufgeregt. Denkt er in diesem Moment darüber nach, mein Leben zu beenden?
»Viggo?«, frage ich vorsichtig.
Er lässt die Waffe unter dem Kopfkissen verschwinden. »Komm her zu mir.« Er streckt die Hand nach mir aus und ich gehe erleichtert auf ihn zu, setze mich zu ihm.
»Was hast du jetzt vor?«, frage ich leise.
»Wir müssen dein Aussehen verändern, damit Lucas dich nicht erkennt.«
»Wo sollte er mich erkennen? Er weiß nicht, dass mein Haar blond und meine Augen grau sind.«
»Wenn du ab sofort als meine Freundin auftrittst, wird es unweigerlich Bilder von uns in der Presse geben. Ich habe Lucas darüber informiert, dass ich eine Freundin habe. Er war natürlich neugierig und wollte mehr wissen. Ich habe ihm erzählt, dass du eine Freundin von Astrid bist und ihr euch im Internat kennengelernt habt. Unsere Geschichte muss hieb- und stichfest sein. Sollte Lucas auch nur den kleinsten Zweifel hegen, wird er alles in Bewegung setzen, uns das Leben zur Hölle zu machen.«
»Aber wie soll ich das anstellen?«
»Du musst ein Äußeres verändern. Trage nur noch High Heels, das macht dich um einiges größer. Vielleicht sollten wir dir eine Brille besorgen«, überlegt Viggo.
»Aber ich brauche keine Brille«, gebe ich zu bedenken.
»Wir werden Gläser ohne eine Stärke einsetzen lassen. Hat Lucas jemals gesehen, dass du blondes Haar hast?«
Ich schüttele den Kopf. »Nein, ich habe immer diese abscheuliche Perücke getragen und die farbigen Kontaktlinsen. Er hat mich für eine graue Maus gehalten, ich habe mich kaum geschminkt, flache Schuhe getragen und graue Kostüme. Im Grunde muss ich mich nur in mein altes ICH verwandeln«, überlege ich.
»Na, dann bin ich auf die echte Ester Blom gespannt. Allerdings wirst du dein altes Leben hinter dir lassen müssen. Du wirst deine Wohnung nie wieder betreten können, deine Familie nicht wiedersehen. Darüber musst du dir im Klaren sein. Dein Name ist ab sofort Liv Berglund. Du musst dich daran gewöhnen, wir müssen uns daran gewöhnen, ich werde dich nur noch Liv nennen, wenn ein Dritter dabei ist. Ich habe einen Freund, der dir neue Papiere besorgen kann und dir eine neue Identität verschafft.«
»Was heißt das?«, frage ich verwirrt nach.
»Er wird im Internet Spuren hinterlassen, dass Liv Berglund geboren wurde, zur Schule gegangen ist, einen Job nachgeht, solche Dinge.«
»Aber meine Freunde, ich meine, es gibt da niemand bestimmten, doch wie soll das funktionieren?«
»Irgendjemand wird dich doch wohl vermissen. Was ist mit deiner Familie?«
»Ich habe keine«, gebe ich zu. »Mein Vater ist tot ... und meine Mutter ... auch«, meine ich zögerlich. Was mit meiner Mutter los ist, braucht niemand zu wissen, sie wird mich nicht vermissen.
»Was ist mit deinen Arbeitskollegen?«
Ich schüttele den Kopf. »Ich arbeite als freie Journalistin von zu Hause. Es gab immer nur E-Mail Verkehr. Sie werden denken, ich habe den Job hingeschmissen. Aber was passiert mit meiner Wohnung?«
»Was soll damit sein?«, will Viggo wissen.
»Ich habe sie für ein halbes Jahr gemietet. Die Miete im Voraus bezahlt. Also wird mein Vermieter frühestens in vier Monaten Verdacht schöpfen, wenn sich meine Sachen noch dort befinden«, überlege ich laut.
»Er wird sie räumen lassen, wenn du nicht mehr auffindbar bist, damit sie wieder vermietet werden kann. So wird das gemacht, wenn der Mieter nicht mehr ermittelbar ist. Es tut mir leid, aber wir können nicht zurück in deine Wohnung. Es wäre zu gefährlich.«
Traurig nicke ich. »Wenn es nicht anders geht, dann werde ich auf die Dinge verzichten müssen.«
Viggo legt den Arm um meine Schultern. »Wir bekommen das hin. Wir werden dir eine neue Identität verschaffen und nach einigen Wochen werde ich mich von meiner Freundin wieder trennen, so wie unsere Wege sich wieder trennen. Du wirst ein neues Leben führen können. Ich hoffe, dass dir dies eine Lehre sein wird und du in Zukunft vorsichtiger sein wirst. Halte dich von Männern wie Lucas fern.«
»Wo soll ich die nächste Zeit wohnen?«, frage ich den Tränen nahe.
»Du wirst hier bei mir bleiben. Da ist es für dich am sichersten. Ich hoffe, du hältst es mit mir noch eine Weile aus.« Er grinst und streicht mir eine Strähne hinter das Ohr. »Es gibt auch nur dieses eine Bett, das wir uns teilen müssen.«
»Ich denke, das bekommen wir hin«, murmele ich leise und weiche seinem Blick aus. Die Situation ist mir peinlich, auch wenn wir bereits Sex miteinander hatten, sind wir doch zwei Fremde, die das Schicksal zusammen geführt hat.
Viggo erhebt sich und zieht sein Hemd aus und zum ersten Mal sehe ich seinen nackten Rücken und halte den Atem an. Er trägt dort ein riesiges Tattoo. Große Engelflügel zieren seine Haut. Die Tätowierung ist sauber ausgearbeitet, es gleicht einem Meisterwerk.
»Viggo«, meine ich verwundert, »das sieht wunderschön aus.« Keine Ahnung, warum ich das vorher noch nicht gesehen habe, doch das Tattoo bedeckt nur den Rücken, alle anderen Körperstellen sind frei. Ich erhebe mich und berühre die einzelnen Federn, fahre sie mit den Fingern nach. »Mein Gott, ist das schön.«
Während ich seinen Rücken bewundere, hält Viggo ganz still,.
»Gefällt es dir?«, fragt er unsicher.
»Es ist beeindruckend. Warum hast du es stechen lassen?«, will ich wissen.
»Ich hatte meine Gründe«, erklärt er ausweichend.
Ohne, darüber nachzudenken, drücke ich meine Lippen auf die Stelle, an der sich die Flügel in der Mitte treffen.
»Entschuldige, ich muss ins Bad«, murmelt Viggo verlegen und lässt mich stehen.


Viggo brauchte einige Zeit für sich, die Gefühle die in ihm hochwallen, sind neu und treffen ihn mit voller Wucht. Er will nichts für diese Frau empfinden, die sein Leben vollkommen auf den Kopf stellt. Dieses weibliche Wesen, das sich so passend an seinen Körper schmiegt, mit ihrem frechen Mundwerk sich in sein Herz schleicht und die mit ihrem sexy Aussehen, seine Hormone durcheinanderbringt, als wäre er ein Teenager, der vor dem ersten Fick steht. Sie raubt ihm den Verstand, dass er nicht mehr klar denken kann und noch schlimmer, sein Herz zieht sich schmerzlich zusammen, wenn er daran denkt, dass ihr etwas passieren könnte. Der Wille, sie zu beschützen, wird so übermächtig, dass er an nichts anderes mehr denken kann. Er wird nur noch getoppt von dem Wunsch, sie zu besitzen, sich in ihrem heißen Körper zu vergraben, sie zu lieben, bis es kein Morgen mehr gibt.
Viggo schüttelt den Kopf. Er ist komplett verrückt. Das Wort Liebe gibt es in seinem Leben nicht. Wieso brandet es gerade mit dem Gedanken an Ester in ihm hoch? Nein, mit dem Gedanken an Liv ... sie ist Liv ... die Frau, die die Hölle in ihm entfacht und in Flammen setzt ... die Frau, von der er niemals genug bekommen wird.
Das Schlafzimmer ist dunkel, wird nur von dem Mondlicht, das durch das Fenster fällt, erhellt. Viggo hat keine Vorstellung, wie lange er sich im Bad aufgehalten hat, doch Ester scheint zu schlafen.
Er zieht sich aus, legt sich mit dem Rücken zu ihr ins Bett. Erst ein kleines Schnaufen zeigt ihm, dass sie nicht schläft. Sie atmet abgehackt, so als würde sie weinen.
Auch wenn er hier das Weichei durchhängen lässt, dreht er sich zu ihr um. »Hej, was ist los?«, fragt er sanft und rutscht zu ihr herüber, zieht Ester in seine Arme. »Warum weinst du?«
Sie hebt die Schultern und seufzt. »Es ist alles so aussichtslos. Ich halte das nicht mehr aus. Diese Ungewissheit, ob du mich nicht doch töten wirst, dieser neuer Name, die Angst, ob Lucas mich erkennt oder einen anderen Killer auf mich ansetzt ... ich halte das nicht mehr aus.« Tränen rinnen ihr aus den Augenwinkeln und tropfen auf seinen nackten Arm.
»Sötnos ... wie kommst du auf die Idee, dass ich dich doch töten will?« Er schüttelt den Kopf und küsst zärtliche die Tränen an ihren Augen weg. Sie schmecken salzig und weichen sein Herz auf. »Wenn ich das vorhätte, gab es bereits mehr als genug Gelegenheiten, meinst du nicht auch. Warum glaubst du wohl, nehme ich das alles auf mich?«
Wieder hebt sie die Schultern, doch langsam beruhigt sich ihr Atem und er zieht sie an seine Brust, streichelt ihren nackten Rücken. »Ich will, das du lebst. So schnell lasse ich dich nicht wieder gehen, du kannst dir meiner sicher sein, Raring.«
Ester blickt zu ihm auf, ihr Blick bleibt an seinen Lippen hängen. »Danke«, murmelt sie leise, beugt sich vor, um ihn zu küssen. Es ist ein kleiner dankbarer Kuss. »Bisher ist mir noch nie aufgefallen, wie allein ich bin. Es gibt niemand, der mich vermisst, nicht einer der sich um mich sorgt. Ich führe ein trauriges Leben.« Wieder glitzern Tränen in ihren Augen, die Viggo mit dem Daumen wegwischt.
»Nein, dein Leben ändert sich gerade in diesem Augenblick. Ich würde dich vermissen, ich sorge mich um dich. Ab heute sind wir zu zweit. Doch eines musst du verstehen: Du musstest sterben, um zu leben.«


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen